Lola rennt

 
 
Entstehung
 

Anything Runs
Interview mit Tom Tykwer

Wie ist die Idee zu LOLA RENNT entstanden?

Ich komme immer vom Bild. Es gibt ein Bild in meinem Kopf, das ich Lust habe, in Bewegung zu bringen, eine Geschichte darum zu bauen und einen Film daraus zu machen. Bei LOLA RENNT war das eine rennende Frau, die seitliche Halbnahe von einer rennenden Frau. Ich glaube, die Idee, einen dynamischen Film zu machen, ist eine Urlust bei Filmemachern. Deswegen guckt man gerne Actionfilme: weil Film Geschwindigkeit transportieren kann. Film hat etwas mit Dynamik, mit Explosivität zu tun. Film kann aber auch Emotionen transportieren. Ein rennender Mensch bringt alles zusammen: explosive Dynamik und Emotionen, denn der Mensch hat in der Bewegung Ausdruck - Verzweiflung, Freude, was auch immer. Diese Dynamik hat etwas Ur-Kinohaftes. Wie eine Laterna Magica. Da spielt auch eine kindliche Begeisterung für dieses einfachste aller Kinobilder eine Rolle: ein Mensch in Bewegung. Winterschläfer war ein Film mit epischem Atem und Schwere, LOLA RENNT war eine Art von Befreiungsschlag. Ein Gegenmodell. Nicht inhaltlich, sondern formal. LOLA RENNT soll mitreißen, eine Achterbahn für die Zuschauer sein, die durchgeschüttelt werden. Ich wollte nacktes, rasendes Vergnügen - das von der Komplexität dennoch Winterschläfer in nichts nachsteht. Eine wilde Jagd mit Nachwirkungen.

LOLA RENNT beschäftigt sich bei aller Dynamik mit philosophischen Fragen - wo kommen wir her, wo gehen wir hin - und ist gleichzeitig ein Generationsporträt. Steckt unsere Zeit in einer Sinnkrise?

Wenn man dem Zufall große Chancen gibt, zeigt das, daß Ideologien keine Stärke haben. Unsere Zeit ist nicht von Idealen beherrscht. Man guckt, was heute geschieht, kümmert sich wenig um das, was morgen kommt. Es gibt keine Pläne - was heißt, daß der Augenblick an Bedeutung gewinnt. Die Zeit des Wirtschaftswunders war geprägt vom Aufbau, vom Blick nach vorn. Heute lebt man eher situativ.

Wie ist die Besetzung zustandegekommen?

Franka Potente war von Anfang an da. Was sich erst keiner vorstellen konnte, weil sie in Nach fünf im Urwald eher ein harmloses Mädchen-Image hatte. Franka kann tatsächlich etwas mittelständisch Normalo-mäßiges transportieren, was Lola ja auch hat - ihr Vater ist schließlich Filialleiter einer Bank. Aber diese vibrierende Energie von Lola, die war bei Franka in Nach fünf im Urwald schon sichtbar. Eine Kraft, die ich entfaltet sehen wollte. Ich wollte echte Charaktere haben, die man sofort mag und denen man ihre Liebe abnimmt. Bei Franka und Moritz Bleibtreu wünscht man sich von Anfang an, daß sie ein Paar sind und bleiben. Sie sind einfach füreinander gemacht. Moritz ist unglaublich präsent, man schließt ihn sofort ins Herz - der darf einfach nicht sterben! Er posiert nicht, er ist glaubwürdig, chaotisch, liebenswert.

In den Nebenrollen tummelt sich fast das ganze Who Is Who der deutschen Schauspielzunft: Heino Ferch, Joachim Król, Nina Petri, Herbert Knaup...

Ich arbeite gerne mit Schauspielern, die ich kenne. Sie gehören zu meiner kreativen Familie. Es macht Spaß, daß öfter dieselben Schauspieler durch meine Filme laufen - mal in einer Hauptrolle, mal in einer Nebenrolle. Filmintern gibt es dafür aber einen viel wichtigeren Grund: LOLA RENNT betont von Anfang an, daß es ein Zufall ist, daß ausgerechnet Lolas Geschichte erzählt wird. Sie wird aus einer Menschenmenge herausgegriffen - und wir hätten auch die Geschichte von jemand anderem erzählen können. Von Herrn Meier, Frau Hansen, Herrn Schuster ... und in kleinen Splittern erzählen wir sie ja auch. Es war wichtig, für diese Personen ein Gefühl zu erzeugen. Hinter jeder Figur steht nicht nur ihre dramaturgische Funktion, sondern ein riesiger Kosmos. Nebenfiguren sind naturgemäß auf ihre Funktionalität in der Haupthandlung eingeschränkt. Für mich waren in LOLA RENNT alle Figuren gleich wichtig - potentielle, in dieser Geschichte unerfüllte Hauptfiguren. Die wollte ich dann auch wie Hauptrollen besetzen. Auch wenn die Rolle - wie bei Heino Ferch beispielsweise - winzig ist.

Sie haben einmal gesagt, es gäbe “geliebte und ungeliebte Kinder". Was ist Lola?

Lola fühlt sich nicht geliebt von ihren Eltern. Deswegen ist Manni auch ihr Anker, ihre Liebe, ihr Leben. Die Eltern sind verstrickt in ihre eigene Geschichte. Es gibt keinen Kontakt zwischen Eltern und Tochter, sondern eine tiefe Fremdheit. Das ist heute fast normal. Meine Generation und die jüngere haben ein absolutes Elternproblem, das sich gravierend von dem Generationsproblem der 68er unterscheidet, weil es vor allem emotional und weniger ideologisch ist. Es gibt keine Intensität zwischen den Generationen.

Die tödliche Maria, Winterschläfer - und jetzt LOLA RENNT. Wie reiht sich LOLA RENNT in Ihr Werk?

Meine drei Filme sind total verschieden, doch ich erkenne mich in ihnen immer wieder. Bestimmte Elemente, die mich interessieren, tauchen immer wieder auf. Zeit zum Beispiel und die Manipulation von Zeit. Für mich gehört das dramaturgische Prinzip, Zeit zu gestalten, zum Interessantesten beim Film. Man kann 20 Minuten oder 20 Jahre erzählen. Die besten Filme haben eine Persönlichkeit, ohne privat zu sein. Filme müssen eine eigene Handschrift haben. Die ist in allen meinen Filmen zu sehen. LOLA RENNT ist für mich eine kontinuierliche Reise. Dabei ist das Wichtigste, daß der Zuschauer fühlt, daß Lola die verschiedenen Möglichkeiten, die wir im Film zeigen, tatsächlich durchlebt hat. Nicht nur die letzten 20 Minuten. Daß das Publikum emotional über die Zeitklammer hinweg und gefühlsmäßig mit Lola in den Film hineinwächst; und will, daß sie am Ende für all das, was sie durchlebt hat - Mannis Tod, ihr eigenes Sterben - belohnt wird.

Ist das Schreien von Lola, das im Casino die Gläser platzen läßt, ein bewußtes Zitat aus Schlöndorffs Blechtrommel?

Darüber habe ich weder beim Schreiben noch beim Drehen nachgedacht. Natürlich werden einige diese Verbindung herstellen, obwohl es von mir nicht als bewußtes Zitat gemeint ist. Es ist eine kleine Irritation - und ich glaube auch nicht, daß es für so eine Szene ein Monopol gibt. Obwohl Oskar Matzerath aus der Blechtrommel auch eine sehr sehnsüchtige Figur ist, hat sie doch eine andere Aussage. Dennoch hat sie auch etwas mit einer immensen Kraft zu tun, was eine Verbindung zu Lola herstellen könnte. Lolas Schrei ist ein wahnsinniger, wilder, hysterischer Ausdruck von Verzweiflung und dem Versuch, der scheinbar größten Hoffnungslosigkeit und Panik mit Energie entgegenzutreten und die Dinge in Bewegung zu setzen. Der Ausdruck von starkem Wollen, von Sehnsucht - darum heißt der Titelsong auch I wish I was.

Wie sah das visuelle Konzept bei LOLA RENNT aus?

Der Film wurde exakt gestoryboarded, weil es auf so viele winzige Details ankam: Wo genau stand welche Person in welcher Szene? Wie nimmt die Kamera wirklich nur die Dinge auf, die wichtig sind? Dazu kommt, daß wir eine Geschichte erzählen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraumes an ein und demselben Tag spielt. Das heißt, daß das Wetter und das Licht identisch sein müssen. Ein wahnsinniges Element waren auch die Uhren, die überall im Bild auftauchen. Da haben wir stundenlang diskutiert, ob es in dieser oder jener Szene jetzt sieben Minuten oder sechs Minuten vor zwölf sein muß. Oder vielleicht schon fünf vor zwölf? Die Continuity hat jedenfalls Überstunden gemacht! Das visuelle Konzept war schon in der Vorbereitung von größter Bedeutung, das Drehbuch war deswegen auch sehr technisch geschrieben. Technik ist ein elementarer Bestandteil des Films, der sich jedoch organisch integriert und unsichtbar wird. Ziel war ja, daß die ganze Struktur in Vergessenheit gerät und der Wunsch, daß Lola Mannis Leben rettet, zur Hauptmotivation wird.

Die Musik spielt eine große Rolle in LOLA RENNT. Die ist in Zusammenarbeit von zwei Musikern und Ihnen entstanden...

Wie bei Winterschläfer habe ich auch bei LOLA RENNT gemeinsam mit Johnny Klimek und Reinhold Heil die Filmmusik gemacht. Die Vorstellung, daß jemand anderer die Musik zu einem Film von mir komponiert, ist für mich ein Alptraum. Mit falscher Musik kann man einen Film durchaus verhunzen. Mit Musik kann man aus einem guten Film einen sehr guten Film machen und aus einem nicht ganz so guten Film einen schlechten. Musik verstärkt eben alles. Man stelle sich mal Spiel mir das Lied vom Tod ohne Musik vor! Musik und Bild - das ist Film. Ich denke, schreibe und schneide sehr musikalisch; was also liegt näher, mich auch um den Soundtrack zu kümmern? Abgesehen davon macht es Spaß. Es ist außerdem gar nicht einfach, den “richtigen" Filmkomponisten zu finden. Einen, der die Vision des Regisseurs teilt. Ich habe bis zu meinem 18. Lebensjahr Klavierunterricht gehabt und komponiere deswegen Melodien am Klavier vor. Dann gibt es eine Basis-Session zu dritt mit Johnny Klimek und Reinhold Heil. Klimek kommt mehr vom Techno, Heil war Keyboarder und einer der Hauptkomponisten bei Spliff. Da kommen dann Jazz, aktuelle Musik, Popmusik der 80er Jahre und ich mit meiner Klassik und meiner Filmmusik zusammen - eine interessante Fusion. Ich wollte keine Standard-Techno-Musik über den Film legen. Beim Soundtrack zu LOLA RENNT habe ich zum ersten Mal eine Pop-Platte, eine richtige Tanzscheibe gemacht.

Was war bei diesem exakt konstruierten Film die größte Herausforderung?

Wichtig beim Schnitt war das Timing, denn der Film ist sehr schnell und man muß Zeit haben und dem Publikum geben, im Kopf das Gesehene zu organisieren. Gestalterisch war die größte Herausforderung, die Zeitsprünge nicht als Bruch erscheinen zu lassen, sondern die Übergänge ineinanderfließen zu lassen, so daß der Zuschauer hinterher emotional wieder nahtlos einsteigt. Das Raum-Zeit-Kontinuum wird aus den Angeln gehoben, ohne daß man es richtig bemerkt. Dabei durfte das Treibende, das Atemlose, weder verloren gehen, noch zum Selbstzweck geraten. Also sind wir auch visuell einer Logik gefolgt: Jede Ebene hat einen eigenen Look. Die Sequenzen von Lola und Manni sind auf 35 mm gedreht. Die anderen, bei denen Lola und Manni nicht am Ort sind, entstanden auf Video - quasi in einer synthetischen, in einer Kunstwelt. Damit werden Lola und Manni zum Zentrum ihrer Welt, in der ganz kinomäßig auch Wunder möglich sind. Das Kinobild ist wahr, die anderen sind quasi unwahr. Wenn also Lola durch ein Videobild läuft, wird es zum Film.

Ist LOLA RENNT ein Berlin-Film?

Ja, natürlich. Anders aber als in Das Leben ist eine Baustelle. Dieser Film, bei dem ich am Drehbuch mitgeschrieben habe, zeigte ein realistisches, aussterbendes Berlin im Auf- und Umbruch, noch im Sog von Mauerfall und Wende. LOLA RENNT zeigt ein anderes Berlin, eins, das nicht die Gedächtniskirche isoliert und den Alexanderplatz hinzuaddiert. Sondern eine Stadt in einem aufregend synthetischen Stadium zwischen Moderne und Abbruch. Keine Stadt ist so synthetisch und lebendig wie Berlin. Riesige große, graue Straßen ohne Grün, menschenleer, gespenstisch - fast wie im Studio. Hier kann man sich gleichzeitig aus der Welt gerissen und verschlungen von einer riesigen Metropole fühlen. LOLA RENNT funktioniert nach dem Pippi-Langstrumpf-Motiv “Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt". Die Wege sind leer, die Straßen freigemacht für Lola, für das, was jetzt in ihrem Leben wichtig ist.

Welche Bedeutung haben die Zeichentricksequenzen?

Bei der Überlegung, wie man einen Film über die Möglichkeiten des Lebens macht, war mir völlig klar, daß es auch ein Film über die Möglichkeiten des Kinos sein mußte. Deswegen gibt es Schwarzweiß, Farbe, Video, Zeitraffer, Zeitlupe - und Zeichentrick. Dabei spielt auch die Lust an der Freiheit der Mittel eine Rolle. Man kann heute mit allen Mitteln jonglieren, nichts ist mehr isoliert. Die Zeiten, in denen man Musik nur auf dem Plattenspieler hörte, die Nachrichten nur im Fernsehen sah, das Buch in der Bibliothek auslieh, den Film nur im Kino sah - die sind vorbei. Durch die interaktiven Medien und das Internet kann das alles jetzt auf einem Monitor geschehen. Damit erlebt man heute die Welt anders, und das kann man im Film zeigen.
Der Zeichentrick zeigt maximiert, daß alles möglich ist, anything goes. Hier setzt nur die Phantasie die Grenzen. Strukturell ist die Trickfilmsequenz im Film immer der Ausgangspunkt für alle dominosteinprinzipmäßigen Veränderungen in der Kausalitätskette.

Also ist LOLA RENNT ein ganz neuer Film?

Nur von außen. Die Mittel ändern an der Art des Erzählens nichts. Das funktioniert weiterhin nach den strukturellen Prinzipien, nach denen schon die Klassiker gearbeitet haben. Da unterscheidet sich LOLA RENNT nicht. Wir haben eine große leidenschaftliche Liebe, wir haben ein klares Action-Prinzip, wir haben einen Auftrag, der durch den Film geht. LOLA RENNT funktioniert nicht anders als die Suche nach dem Gral. Nur, daß es sich bei unserem Gral um 100.000 Mark handelt.

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